Letztere Hypothese drängt sich bei zwei besonders bemerkenswerten Vertretern des schweizerischen Politbetriebs auf: bei SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi und beim Aargauer FDP-Grossrat Adrian Schoop. Zwei Männer, zwei Parteien, eine gemeinsame Begabung: die selbstbewusste Verbreitung von Gewissheiten, deren Verhältnis zur Wirklichkeit ungefähr einer Kaffeesatz-Lesung zur Meteotest-Wetterprognose entspricht.
Die medizinische Forschung hat den Zusammenhang zwischen überhitztem Badewasser und späteren politischen Fehlleistungen bislang sträflich vernachlässigt. Dabei liegt der Verdacht auf der Hand: Wird das kindliche Denkorgan frühzeitig übermässiger Hitze ausgesetzt, könnte dies die spätere Neigung begünstigen, feuchtheisse Luft mit geistiger Leistung zu verwechseln.
Willkommen in der politischen Badewannenpathologie.
Ein Zuger entdeckt die Sonne
Beginnen wir mit Thomas Aeschi. Der Mann ist immerhin Fraktionspräsident der grössten Schweizer Partei. Er hat Wirtschaft studiert und verfügt über jene bewundernswerte Fähigkeit, selbst die banalsten Erkenntnisse mit der unerschütterlichen Überzeugung eines Mannes vorzutragen, der soeben die Schwerkraft entdeckt hat.
«Solar funktioniert nur, wenn die Sonne scheint», erklärte Aeschi im Abstimmungskampf zum Stromgesetz.
Donnerwetter! Ein Durchbruch in der angewandten Physik. Jahrzehntelang haben sich Forschende mit dem photoelektrischen Effekt herumgeschlagen, Albert Einstein erhielt dafür sogar den Nobelpreis. Und dann kommt Thomas Aeschi und bringt die Sache in sieben Wörtern auf den Punkt.
Wir dürfen gespannt sein, welche Erkenntnisse folgen. Wasserkraft funktioniert nur, wenn Wasser fliesst? Windräder drehen sich nur, wenn Wind weht? Und ein Atomkraftwerk produziert nur Strom, wenn es funktioniert?
Letzteres wäre gerade im Kanton Aargau eine Erkenntnis von erheblicher praktischer Bedeutung.
Winde wehen ohne SVP-Bewilligung
Aeschi hat noch mehr auf Lager: «Die Schweiz ist kein Land für Windenergie.» Eine bemerkenswerte Feststellung angesichts der Tatsache, dass hierzulande seit Jahrtausenden Winde wehen, ohne zuvor bei der SVP eine Bewilligung eingeholt zu haben.
Der Föhn, die Bise und der Luftzug im Allgemeinen werden sich umgehend neu orientieren müssen. Offenbar haben sie ihre geografische Zuständigkeit missverstanden.
Vielleicht liegt Aeschis Problem aber weniger in der Meteorologie als in seiner Vorstellung von Energiepolitik. Strom soll gefälligst dann produziert werden, wenn man ihn braucht. Dass sich dafür verschiedene Erzeugungsarten, Speicher, flexible Verbraucher und intelligente Netze kombinieren lassen, scheint seinen politischen Horizont zu sprengen. Ein Kraftwerk, das nicht rund um die Uhr dieselbe Leistung abliefert, ist für ihn ungefähr so verdächtig wie eine Wärmepumpe, die sich zwischendurch ausschaltet.
Und überhaupt: Windräder verschandeln die Landschaft. Atomkraftwerke hingegen sind offenbar architektonische Kleinode, deren Kühltürme die Schweizer Kulturlandschaft bereichern wie romanische Kirchtürme das Engadin.
Die grosse Angst vor der kalten Dusche
Bereits 2022 warnte Aeschi vor einem besonders grausamen Schicksal: Die Schweizer Bevölkerung müsse künftig kalt duschen.
Das ist angesichts unserer Badewannenhypothese bemerkenswert. Sollte ausgerechnet die Angst vor kaltem Wasser eine späte Reaktion auf frühkindliche Überhitzung sein?
Der Gedanke hat Charme.
Damals verlangte Aeschi sogar einen «Stromgeneral». Einen militärischen Oberbefehlshaber über Kilowattstunden also. Vielleicht mit einem Generalstab aus Transformatoren, einer Kavallerie aus Pumpspeicherwerken und einem Sonderkommando zur Überwachung verdächtiger Smart-Meter-Einheiten.
Der Stromgeneral hätte vermutlich als erste Amtshandlung die Sonne zum Rapport bestellt. Wegen unentschuldigten Fernbleibens während der Nacht.
Besonders eindrücklich ist die Beharrlichkeit, mit der in Aeschis politischem Umfeld steigende Strompreise der Energiewende angelastet werden. Dass die europäische Energiepreiskrise 2022 wesentlich durch explodierende Gaspreise und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelöst wurde, stört die Dramaturgie. Die Merit-Order-Preisbildung ist eben komplizierter als die Behauptung, Solarpanels seien schuld.
Für eine politische Anklage braucht es keine komplexen Marktmechanismen. Es reicht ein Schuldiger. Vorzugsweise einer mit Solardach.
Schoop spricht Klartext. Leider.
Wechseln wir in den Aargau, wo Adrian Schoop die politische Kommunikation zu einer eigenen Kunstform entwickelt hat.
Sein Markenzeichen nennt sich «Schoop spricht Klartext». Das klingt nach intellektueller Präzisionsarbeit, nach messerscharfer Analyse, nach einem Mann, der die Dinge beim Namen nennt.
Doch was Schoop als Klartext verkauft, ist eine bemerkenswerte Methode der Erkenntnisgewinnung: Zuerst werden sämtliche störenden Fakten aussortiert, dann die verbleibenden Vorurteile zu Gewissheiten erklärt. Fertig ist die politische Analyse – ganz ohne lästiges Nachdenken.
Schoop bezeichnet sich als konsequent liberal. Freiheit, Eigenverantwortung und möglichst wenig Staat gehören zu seinem politischen Glaubensbekenntnis. So weit, so gewöhnlich.
2024 veröffentlichte er allerdings einen Beitrag unter dem Titel «Warum das Stromgesetz ein Irrweg ist».
Marktwirtschaftliche Kernspaltung
Schoop liefert damit ein bemerkenswertes Lehrstück in angewandtem Liberalismus: Ausgerechnet Technologien, die neue Marktchancen eröffnen, dezentrale Produktion ermöglichen und wirtschaftliche Abhängigkeiten abbauen, erklärt er zum Irrweg. Offenbar ist ihm die freie Marktwirtschaft nur so lange geheuer, wie sie keine neuen Wege einschlägt. Fortschritt ja – aber bitte rückwärts.
So wird in diesen politischen Kreisen lieber der atomaren Vergangenheit eine strahlende Zukunft angedichtet. Neue Atomkraftwerke sollen es richten.
Und hier vollendet sich das liberale Glaubensbekenntnis zur wirtschaftspolitischen Lachnummer: Der Staat soll sich gefälligst aus allem heraushalten – ausser natürlich, wenn es darum geht, die finanziellen Risiken atomarer Grössenfantasien auf die Steuerzahler abzuwälzen. So sieht offenbar Marktwirtschaft nach Schoop’schem Zuschnitt aus, wenn man vorher zu heiss gebadet hat. Genau genommen handelt es sich um eine ökonomische Kernspaltung: Gewinne privatisieren, Risiken sozialisieren.
Der freie Markt und seine heiligen Parkplätze
Schoops politisches Engagement erschöpft sich keineswegs in der Energiepolitik. Besonders hingebungsvoll widmet er sich dem Schutz einer bedrohten Spezies: des Parkplatzes.
Während andere Politiker über die Zukunft der Mobilität, die Elektrifizierung des Verkehrs oder lebenswerte Städte nachdenken, verteidigt Schoop die Abstellfläche für Automobile mit dem Ernst eines Denkmalschützers vor dem letzten gotischen Kreuzgang.
Parkplätze werden abgebaut? Alarm! Der Staat greift ein! Die Freiheit ist bedroht!
Dass öffentlicher Raum knapp ist und unterschiedlich genutzt werden kann, macht die Sache unnötig kompliziert. Ein Parkplatz ist schliesslich kein gewöhnliches Stück Asphalt. Er ist ein Freiheitssymbol mit Bodenmarkierung.
Schoops Liberalismus kennt offenbar eine klar gezogene Grenze: die weisse Linie eines Parkfeldes. Dahinter endet die Eigenverantwortung, und der Ruf nach staatlicher Hilfe beginnt. Der freie Markt darf bei Schoop alles regeln. Ausser die Parkplatzfrage. Da wird der Liberale zum Sozialisten auf vier Rädern.
Chronische rhetorische Überhitzung
Wenn die Betriebstemperatur das Denkvermögen übersteigt
Kehren wir zur Badewanne zurück. Unsere Ausgangsthese gewinnt mit jeder weiteren politischen Wortmeldung an Plausibilität. Denn Aeschi und Schoop demonstrieren auf unterschiedliche Weise ein Phänomen, das sich als chronische rhetorische Überhitzung beschreiben lässt: Je höher die politische Betriebstemperatur, desto geringer die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge zu durchdenken.
Der eine erklärt die Schweiz kurzerhand zum windfreien Gebiet. Der andere erhebt seine politischen Überzeugungen zum «Klartext» und erspart sich damit die Mühsal, zwischen einfachen und richtigen Antworten zu unterscheiden.
Beide stehen exemplarisch für eine politische Kultur, in der Lautstärke als Kompetenznachweis gilt, Behauptungen als Argumente durchgehen und jede neue Erkenntnis zunächst daraufhin geprüft wird, ob sie ins eigene Weltbild passt. Tut sie das nicht, wird nicht etwa das Weltbild korrigiert. Sondern die Erkenntnis bekämpft.
Gerade in der Energiepolitik ist diese Denkweise fatal. Die Energiewende verlangt keine Glaubensbekenntnisse, sondern Systemverständnis. Keine nostalgischen Atomträume, sondern wirtschaftliche Gesamtrechnungen. Keine Technologieoffenheit als rhetorische Schutzbehauptung, sondern die Bereitschaft, tatsächlich verfügbare Technologien konsequent einzusetzen.
Wer Windkraft bekämpft, Solarenergie schlechtredet und gleichzeitig über fehlenden Winterstrom lamentiert, verhält sich wie jemand, der sein Haus anzündet und anschliessend die Feuerwehr wegen der hohen Löschwassertemperatur verklagt.
Ein Hoch auf den Hitzkopf
Was also tun mit unseren beiden politischen Heissbadefällen?
Eine nachträgliche Temperatursenkung dürfte schwierig werden. Die Badewannen ihrer Kindheit sind längst noch heisser sprudelnden Whirlpools gewichen, die politische Reflexe noch dauerhafter konservieren.
Vielleicht könnte man wenigstens verlangen, dass politische Aussagen künftig einer einfachen Qualitätskontrolle unterzogen werden. Ein Faktencheck vor jeder Pressekonferenz. Ein kurzer Physiktest vor jeder energiepolitischen Wortmeldung. Und für besonders hartnäckige Fälle eine obligatorische Abkühlphase zwischen Gedankenbildung und Mikrofonbenutzung.
Denn das eigentliche Problem ist nicht, dass Aeschi und Schoop gelegentlich Unsinn reden. Das ist in einer Demokratie erlaubt und im politischen Betrieb beinahe eine Berufsvoraussetzung. Problematisch wird es, wenn solcher Unsinn zur politischen Handlungsanleitung erhoben wird – und die Gesellschaft anschliessend die Rechnung bezahlt.
Immun gegen Burnout
Eine gute Nachricht gibt es immerhin. Während die moderne Arbeitswelt zunehmend unter Stress, Überforderung und Burnout leidet, scheinen unsere beiden Polit-Elite-Protagonisten gegen Letzteres geradezu vorbildlich gewappnet.
Denn wo das politische Denken konsequent im Wasserbad stattfindet, ist die Burnout-Gefahr naturgemäss gering. Ausserdem ist in einem Wasserkopf noch nie etwas angebrannt.
Andreas Turner ist Kommunikationsspezialist und Inhaber der 2025 gegründeten Zero2050 GmbH. Unter der Marke ENERGY BY TURNER konzipiert, textet und produziert er Print- und Online-Formate, namentlich im Einsatz für die Energiewende sowie im Mobilitäts- und Cleantech-Bereich. Mit dieser Kolumne reitet er sein Steckenpferd, die diskrete Satire.