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KI-Symbolbild - Rösti und seine Wege
@KI / Andreas Turner
Energy by Turner

In der Tiefe des Röstigrabens

Die Schweiz braucht die Energiewende. Ihr Energieminister bevorzugt eine Zeitreise. Albert Rösti entdeckt die Atom-Ära neu – und legt für sein Regierungsprogramm den Rückwärtsgang ein.

Die Schweiz hat ein Energieproblem. Und einen Energieminister, der es mit beachtlicher Leidenschaft um ein weiteres bereichert.

Während die Gletscher schmelzen, die Bauern um Wasser ringen und die Energiewende dringend Tempo braucht, arbeitet Albert Rösti an der Wiedergeburt des Atomkraftwerks. Das ist ungefähr so, als würde die Feuerwehr beim Löschen eines Dachstockbrands eine Grundsatzdebatte über die Wiedereinführung des Kohleofens eröffnen.

Immerhin: Der Mann denkt langfristig. So langfristig, dass ihm die Gegenwart gelegentlich wie eine lästige Störung der Zukunftsplanung vorkommen muss.

«Erfahrung mit der Materie vorhanden.»

Rösti ist eine jener seltenen politischen Begabungen, die sich von der Wirklichkeit nicht aus der Ruhe bringen lassen. Früher Präsident von Swissoil und Auto Schweiz, heute Umwelt- und Energieminister. Ein Lebenslauf von bestechender Konsequenz. Man könnte ebenso den ehemaligen Direktor eines Tabakkonzerns mit der nationalen Lungenkrebsprävention betrauen. Erfahrung mit der Materie wäre zweifellos vorhanden.

Die Zuständigkeit für das Bundesamt für Umwelt wirkt bei dieser Biografie wie ein versehentlich mitgeliefertes Zubehörteil.

Der Mann mit dem atomaren Rückspiegel

Albert Rösti ist ein Meister der politischen Wiederverwertung. Früher Erdöl, dann die damit betriebenen Fahrzeuge, heute Energieminister. Andere wechseln die Branche, Rösti wechselt das Jahrhundert. Ungelöstes Rätsel der Vergangenheit. Sein jüngstes Lieblingsprojekt: die Renaissance der Atomkraft. Ausgerechnet jetzt, da die Schweiz ihr Energiesystem mit Hochdruck umbauen muss.

Die Idee hat Charme. Während andere Solaranlagen montieren, Windparks planen und Speicher entwickeln, lässt Rösti die Zukunft schon einmal in der Vergangenheit suchen. Dort kennt er sich aus. Dort stehen die grossen Kraftwerke, dort fliesst der Strom noch brav von oben nach unten, und dort ist ein Verbraucher ein Verbraucher und kein lästiger Prosumer mit eigener Solaranlage.

«Die Kunst, sämtliche Türen offen zu halten.»

Das atomare Comeback ist die perfekte Beschäftigung für eine Politik, die vor lauter Zukunftsplanung nicht zum Handeln kommen will. Ein neues AKW liefert zwar auf Jahrzehnte hinaus keinen Strom, dafür zuverlässig Gesprächsstoff. Es braucht vorerst keinen Bauplatz, keinen Investor und keine Entsorgungslösung. Einzig die Zuversicht muss ständig nachgefüllt werden.

Rösti nennt das Technologieoffenheit. Eine hübsche Wortschöpfung für die Kunst, sämtliche Türen offen zu halten, damit man durch keine hindurchgehen muss.

Die Milliarden kommen nach dem Beschluss

Besonders elegant ist die Finanzierung geregelt. Das Parlament beschloss die Aufhebung des AKW-Neubauverbots, bevor die finanziellen Folgen abschliessend geklärt waren. Ein Bericht soll nachgeliefert werden.

Erst bestellen, dann den Preis erfragen. Ein Geschäftsmodell, das jedem Bauherrn die Tränen in die Augen treibt.

Vielleicht braucht es einen neuen Fördermechanismus: die Einmalvergütung für imaginäre Grosskraftwerke. Auszahlung bei erfolgreicher Absichtserklärung, Winterstrombonus für besonders überzeugende PowerPoint-Präsentationen.

Und falls sich kein privater Investor findet, könnte der Staat nachhelfen. Die freie Marktwirtschaft ist schliesslich ein hohes Gut. Man sollte sie nicht dadurch gefährden, dass man sie tatsächlich auf die Atomkraft anwendet.

Der Atommüll? Auch dafür wird sich eine Lösung finden. Die kommenden Generationen werden ja wohl nicht erwarten, dass wir ihnen neben dem Entzug eines funktionierenden Planeten auch noch sämtliche Entsorgungsfragen lösen.

Der Klimawandel als Kommunikationsproblem

Rösti hat allerdings noch ein zweites Ressort: die Umwelt. Eine etwas unglückliche Kombination. Man stelle sich vor, der frühere Chef einer Kleinkredit-Bank müsste plötzlich die Stiftung für Konsumentenschutz leiten. Die Begeisterung für den Auftrag wäre möglicherweise überschaubar.

Der Hitzesommer 2026 hat die Schweiz eindrücklich daran erinnert, dass die Natur nicht auf den nächsten Legislaturplan wartet. Gletscher verschwinden, Wälder verdorren, den Bauern geht das Wasser aus.

Für einen Energieminister, der seine Zukunftsvision vorzugsweise in Reaktorgebäuden sucht, ist das eine unangenehme Konkurrenz der Wirklichkeiten.

Denn gegen die Klimaerwärmung hilft keine Technologieoffenheit. Der Atmosphäre ist herzlich gleichgültig, welche Optionen sich die Schweiz für das Jahr 2050 vorbehält. Sie reagiert auf Treibhausgase, nicht auf bundesrätliche Absichtserklärungen.

Vielleicht sollte man den Klimawandel einfach umbenennen. «Temporäre meteorologische Standortherausforderung» klänge doch gleich viel weniger bedrohlich.

Dazu ein Aussprachepapier, eine interdepartementale Arbeitsgruppe und eine Vernehmlassung über die politisch korrekte Schreibweise von Hitzesommer. Bis der Schlussbericht vorliegt, hat sich das Problem womöglich von selbst erledigt.

Der Gletscher auf jeden Fall.

Die Zukunft stört beim Regieren

Unterdessen produziert die Sonne Strom, ohne vorher in Bern um eine Rahmenbewilligung für ihre Existenz zu ersuchen. Der Wind weht, ohne einen staatlich garantierten Abnahmepreis für die nächsten sechzig Jahre zu verlangen. Speicher, intelligente Netze und flexible Verbraucher verändern die Energiewirtschaft.

Ihr Nachteil: Man muss sich mit ihnen beschäftigen. Anlagen bauen, Netze anpassen, Investitionen ermöglichen, Interessenkonflikte lösen. Kurz: Energiepolitik machen.

Ein Atomkraftwerk auf einer PowerPoint-Folie ist bedeutend pflegeleichter. Es kann weder Kosten überschreiten noch eine Bauverzögerung melden. Es ist vollkommen sicher, sauber und praktisch unerschöpflich – jedenfalls als Argument.

«Der Röstigraben trennt Realität und Sehnsucht.»

Das eigentliche Meisterstück besteht darin, den schleppenden Ausbau der Erneuerbaren als Begründung für den atomaren Rückwärtsgang zu verwenden. Man könnte ebenso einem Marathonläufer, der zu langsam vorankommt, empfehlen, vorsichtshalber noch einmal zum Start zurückzukehren.

Tief im Röstigraben

Der Röstigraben verläuft inzwischen nicht mehr zwischen Deutschschweiz und Romandie. Er trennt die physikalische Realität von der politischen Sehnsucht nach einer Welt, in der sich Energieversorgung mit einigen Grosskraftwerken und einer beruhigenden Portion Bandstrom erledigen liess.

Albert Rösti steht auf der einen Seite und hält die Tür zum Atomzeitalter offen. Auf der anderen Seite wartet die Gegenwart. Mit Strombedarf, Klimakrise und einer Energiewende, die sich nicht auf später verschieben lässt.

Vielleicht wird man eines Tages eine parlamentarische Untersuchungskommission einsetzen, um herauszufinden, weshalb die Schweiz so viel Zeit verloren hat. Ihr Bericht dürfte ungefähr dann vorliegen, wenn das erste neue Atomkraftwerk ans Netz geht.

Bis dahin schmelzen die Gletscher weiter. Die Sonne scheint. Der Wind weht. Und tief im Röstigraben wartet ein Bundesrat auf die Zukunft.